Warum harzt es zwischen Pflege und Ärzteschaft so oft?
Die Gründe liegen meist im Alltag selbst:
- Unterschiedliche Rhythmen. Die Pflege ist rund um die Uhr nah an den Patientinnen und Patienten. Ärztinnen und Ärzte wechseln zwischen Visite, Notfall, Gesprächen und Dokumentation. Was für die eine Seite dringend ist, landet bei der anderen zwischen zwei anderen dringenden Dingen.
- Unterschiedliche Blickwinkel. Pflegende melden oft zuerst ihren klinischen Eindruck: «Sie gefällt mir nicht.» Dahinter stecken genaue Beobachtungen und viel Erfahrung. Für den Entscheid am Telefon braucht die Ärztin oder der Arzt zusätzlich Werte und Verlauf. Ein festes Meldeschema bringt beides zusammen.
- Hierarchie. Eine junge Pflegefachperson widerspricht einem erfahrenen Kaderarzt selten vor anderen. Das gilt genauso für Assistenzärztinnen und -ärzte gegenüber ihren Vorgesetzten. Wer Bedenken hat, behält sie dann eher für sich.
- Belastung. Wenn Personal fehlt und alle unter Zeitdruck stehen, werden Meldungen kürzer und Rückfragen seltener. Dabei gehen leicht wichtige Informationen verloren.
- Persönliche Stile. Die eine kommuniziert direkt und knapp, der andere braucht Zusammenhang und Zeit. Ohne Bewusstsein dafür wird ein knapper Satz schnell als Respektlosigkeit gehört.
Dass Bedenken nicht immer ausgesprochen werden, zeigt eine Schweizer Studie aus dem Jahr 2018 mit 979 Pflegefachpersonen sowie Ärztinnen und Ärzten aus vier Spitälern. Je nach Frage hatten 62 bis 80 Prozent in den vier Wochen vor der Befragung mindestens einmal Bedenken zur Sicherheit einer Patientin oder eines Patienten. Mehr als die Hälfte gab an, solche Bedenken angesprochen zu haben. Zwischen 19 und 39 Prozent berichteten aber auch, dass sie Bedenken für sich behalten hatten.
Wie kommt eine Meldung beim ersten Anruf an?
Eine Meldung mit Situation, Hintergrund, Einschätzung und einer konkreten Bitte kann die Ärztin auch unter Zeitdruck rasch einordnen. Viele von euch kennen dafür das Schema SBAR, nach den englischen Begriffen Situation, Background, Assessment und Recommendation. Im hektischen Alltag geht es aber leicht vergessen. Mit SBAR könnte der Rückruf vom Anfang so klingen:
«Danke für den Rückruf, hier ist Lukas von der 4B. Es geht um Frau Keller in Zimmer 12. Sie ist seit dem Mittag zunehmend verwirrt, ihr Blutdruck ist deutlich gesunken, und der Puls ist schneller geworden. Sie ist am zweiten Tag nach einer Operation. Ich mache mir Sorgen, dass sich ihr Zustand weiter verschlechtert. Kannst du bitte sofort vorbeikommen und sie anschauen?»
Die Ärztin weiss nach wenigen Sätzen, worum es geht, wie dringend es ist und was von ihr erwartet wird. Auch das ungute Gefühl des Pflegefachmanns hat darin Platz, als Einschätzung, die sich auf seine Beobachtungen stützt. Hilfreich ist zudem, wenn die Ärztin kurz wiederholt, was bei ihr angekommen ist: «Frau Keller in Zimmer 12, neu verwirrt, Blutdruck tiefer, Puls schneller. Ich komme sofort.» Das dauert ein paar Sekunden und verhindert manches Missverständnis.
Ebenso wichtig ist ein klarer Eskalationsweg. Alle sollten wissen, wann die Pflege direkt die Oberärztin oder den Oberarzt anruft, etwa wenn auf den Piepser keine Antwort kommt. Wie dringend eine Meldung ist und wer wann beigezogen wird, legen die Standards eurer Klinik fest.
Was im Spitalalltag ausserdem hilft
Neben klaren Meldungen helfen ein paar Gewohnheiten:
- 1. Bedenken ernst nehmen. Ob jemand sagt: «Ich habe ein ungutes Gefühl, weil …», hängt stark davon ab, wie die anderen darauf reagieren, vor allem die Vorgesetzten. Es hilft schon, wenn die Oberärztin nach der Visite fragt: «Was macht euch bei dieser Patientin Sorgen?» Und wer Bedenken äussert, sollte eine Antwort bekommen, auch wenn sich die Sorge nicht bestätigt. Mehr dazu im Impuls zur psychologischen Sicherheit.
- 2. Die Stile der anderen kennen. Wer weiss, wie Kolleginnen und Kollegen unter Druck kommunizieren, nimmt einen knappen Satz weniger persönlich. Wir arbeiten dafür mit dem DISG-Modell. Es beschreibt, ob jemand eher direkt und schnell, eher begeisternd und beziehungsorientiert, eher ruhig und stetig oder eher genau und faktenbezogen kommuniziert. Wir nutzen das Modell als gemeinsame Sprache, um Unterschiede anzusprechen, und nicht, um Menschen in Schubladen zu stecken.
- 3. Schwierige Fälle gemeinsam anschauen. In einer kollegialen Fallberatung bringt jemand eine Situation ein, die nicht gut gelaufen ist. Die anderen fragen zuerst nach und geben erst danach Ratschläge. Besonders wertvoll ist das, wenn Pflege und Ärzteschaft einen Fall gemeinsam anschauen. So lernt das ganze Team daraus, ohne dass jemand an den Pranger gestellt wird.
Wie wir mit der Kinderklinik des Kantonsspitals Aarau gearbeitet haben
Ärztinnen und Ärzte der Kinderklinik führen täglich anspruchsvolle Gespräche: in Akutsituationen auf dem Notfall, beim Überbringen schlechter Nachrichten und in langen Behandlungen chronisch kranker Kinder. Dabei stehen sie immer im Dreieck zwischen Spitalpersonal, Eltern und Kindern.
Für die Klinik haben wir ein Training in zwei Halbtagen mit einer Transferphase dazwischen aufgebaut. Zur Vorbereitung füllten die Teilnehmenden ein kurzes DISG-Verhaltensprofil aus. Der erste Halbtag galt der Kommunikation mit Kindern und Eltern, unter anderem dem Überbringen schlechter Nachrichten. In der Transferphase arbeitete jede Person an eigenen Zielen im Alltag. Der zweite Halbtag drehte sich um die Kommunikation im Team, mit Feedback und kollegialer Fallberatung. 2024 und 2025 haben wir das Training mehrmals in Gruppen von acht bis zwölf Personen durchgeführt.
Das Training richtete sich an die Ärztinnen und Ärzte. Dr. med. Marco Strasser, damals Oberarzt Endokrinologie in der Kinderklinik, beschreibt, was er danach im Alltag beobachtet hat: «Die Kommunikation ist spürbar besser geworden, auch zwischen Pflege und Ärzteschaft. Es gibt weniger Konflikte, und dadurch passieren weniger kritische Fehler.» Mehr dazu im Projekt mit dem Kantonsspital Aarau.
Wann lohnt sich ein Kommunikationstraining im Spital?
Ein Training ersetzt keine gute Organisation. Es lohnt sich aber, wenn ihr einige dieser Punkte wiedererkennt:
- Meldungen gehen verloren oder kommen zu spät an, und alle haben ein Beispiel dafür.
- Pflege und Ärzteschaft reden mehr übereinander als miteinander.
- Schwierige Gespräche mit Patientinnen, Patienten oder Angehörigen werden aufgeschoben oder an andere weitergegeben.
- Zwischen einzelnen Personen oder Berufsgruppen gibt es immer wieder dieselben Konflikte.
Ein Training kann sich auch an beide Berufsgruppen richten. Dann üben Pflege und Ärzteschaft gemeinsam an Situationen aus der eigenen Station, zum Beispiel daran, wie eine Verschlechterung gemeldet und bestätigt wird. Euer Meldeschema und eure klinischen Standards bringt ihr mit, wir gestalten das Üben und die Rückmeldungen. Haben sich Konflikte schon festgefahren, braucht es zuerst eine Klärung. Wie das geht, beschreiben wir im Impuls zu Konflikten im Team.
Ein Impuls für eure nächste gemeinsame Besprechung
Nehmt euch zehn Minuten für drei Fragen, am besten Pflege und Ärzteschaft gemeinsam:
- 1. Welche Meldung ist in der letzten Woche nicht oder zu spät angekommen, und woran lag es?
- 2. Wann habe ich zuletzt Bedenken nicht ausgesprochen, und was hätte es dafür gebraucht?
- 3. Was braucht die andere Berufsgruppe von mir, damit sie gut arbeiten kann, und habe ich sie das schon einmal gefragt?
Die zweite Frage beantwortet jede Person nur für sich. Besprecht danach gemeinsam, was es in solchen Momenten bräuchte, ohne dass jemand ein eigenes Beispiel erzählen muss. Haltet fest, was ihr ausprobieren wollt, und schaut nach einem Monat gemeinsam darauf.
