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Impulse

Inter­profes­sionelle Zusammen­arbeit: Was im Spital­alltag hilft

Teams verbinden · Lesedauer ca. 6 Minuten

Es ist halb drei am Nachmittag auf einer chirurgischen Station. Der Pflegefachmann hat die Assistenz­ärztin zweimal angepiepst, weil es einer Patientin seit dem Mittag schlechter geht.

Sie ruft zurück, mitten aus einem Angehörigengespräch, und fragt nach Werten, die er gerade nicht vor sich hat. Er hat ein ungutes Gefühl, sie braucht Zahlen. Beide legen frustriert auf.

Solche Situationen kennt jedes Spital. Mit bösem Willen haben sie selten zu tun. Pflege und Ärzte­schaft betreuen dieselben Patientinnen und Patienten, aber in unterschied­lichen Rhythmen, mit unterschied­lichen Informa­tionen und oft unter grossem Zeitdruck. Wenn die Kommuni­kation dazwischen nicht klappt, kostet das Nerven und kann die Patientensicherheit gefährden.

Gute inter­profes­sionelle Zusammen­arbeit heisst in diesem Fall, dass die Meldung beim ersten Anruf ankommt und danach beide wissen, wie es weitergeht.

Illustration: Pflegefachkraft, Assistenzärztin und Ärzte im Gespräch auf einer Station, eine Patientin im Bett

Warum harzt es zwischen Pflege und Ärzte­schaft so oft?

Die Gründe liegen meist im Alltag selbst:

  • Unter­schiedliche Rhythmen. Die Pflege ist rund um die Uhr nah an den Patientinnen und Patienten. Ärztinnen und Ärzte wechseln zwischen Visite, Notfall, Gesprächen und Dokumentation. Was für die eine Seite dringend ist, landet bei der anderen zwischen zwei anderen dringenden Dingen.
  • Unter­schiedliche Blickwinkel. Pflegende melden oft zuerst ihren klinischen Eindruck: «Sie gefällt mir nicht.» Dahinter stecken genaue Beobach­tungen und viel Erfahrung. Für den Entscheid am Telefon braucht die Ärztin oder der Arzt zusätzlich Werte und Verlauf. Ein festes Meldeschema bringt beides zusammen.
  • Hierarchie. Eine junge Pflegefachperson widerspricht einem erfahrenen Kaderarzt selten vor anderen. Das gilt genauso für Assistenz­ärztinnen und -ärzte gegenüber ihren Vorgesetzten. Wer Bedenken hat, behält sie dann eher für sich.
  • Belastung. Wenn Personal fehlt und alle unter Zeitdruck stehen, werden Meldungen kürzer und Rückfragen seltener. Dabei gehen leicht wichtige Informa­tionen verloren.
  • Persönliche Stile. Die eine kommuniziert direkt und knapp, der andere braucht Zusammenhang und Zeit. Ohne Bewusstsein dafür wird ein knapper Satz schnell als Respektlosigkeit gehört.

Dass Bedenken nicht immer ausge­sprochen werden, zeigt eine Schweizer Studie aus dem Jahr 2018 mit 979 Pflegefachpersonen sowie Ärztinnen und Ärzten aus vier Spitälern. Je nach Frage hatten 62 bis 80 Prozent in den vier Wochen vor der Befragung mindestens einmal Bedenken zur Sicherheit einer Patientin oder eines Patienten. Mehr als die Hälfte gab an, solche Bedenken angesprochen zu haben. Zwischen 19 und 39 Prozent berichteten aber auch, dass sie Bedenken für sich behalten hatten.

Wie kommt eine Meldung beim ersten Anruf an?

Eine Meldung mit Situation, Hintergrund, Einschätzung und einer konkreten Bitte kann die Ärztin auch unter Zeitdruck rasch einordnen. Viele von euch kennen dafür das Schema SBAR, nach den englischen Begriffen Situation, Background, Assessment und Recommendation. Im hektischen Alltag geht es aber leicht vergessen. Mit SBAR könnte der Rückruf vom Anfang so klingen:

«Danke für den Rückruf, hier ist Lukas von der 4B. Es geht um Frau Keller in Zimmer 12. Sie ist seit dem Mittag zunehmend verwirrt, ihr Blutdruck ist deutlich gesunken, und der Puls ist schneller geworden. Sie ist am zweiten Tag nach einer Operation. Ich mache mir Sorgen, dass sich ihr Zustand weiter verschlechtert. Kannst du bitte sofort vorbeikommen und sie anschauen?»

Die Ärztin weiss nach wenigen Sätzen, worum es geht, wie dringend es ist und was von ihr erwartet wird. Auch das ungute Gefühl des Pflegefachmanns hat darin Platz, als Einschätzung, die sich auf seine Beobach­tungen stützt. Hilfreich ist zudem, wenn die Ärztin kurz wiederholt, was bei ihr angekommen ist: «Frau Keller in Zimmer 12, neu verwirrt, Blutdruck tiefer, Puls schneller. Ich komme sofort.» Das dauert ein paar Sekunden und verhindert manches Missverständnis.

Ebenso wichtig ist ein klarer Eskalationsweg. Alle sollten wissen, wann die Pflege direkt die Oberärztin oder den Oberarzt anruft, etwa wenn auf den Piepser keine Antwort kommt. Wie dringend eine Meldung ist und wer wann beigezogen wird, legen die Standards eurer Klinik fest.

Was im Spital­alltag ausserdem hilft

Neben klaren Meldungen helfen ein paar Gewohnheiten:

  1. 1. Bedenken ernst nehmen. Ob jemand sagt: «Ich habe ein ungutes Gefühl, weil …», hängt stark davon ab, wie die anderen darauf reagieren, vor allem die Vorgesetzten. Es hilft schon, wenn die Oberärztin nach der Visite fragt: «Was macht euch bei dieser Patientin Sorgen?» Und wer Bedenken äussert, sollte eine Antwort bekommen, auch wenn sich die Sorge nicht bestätigt. Mehr dazu im Impuls zur psycho­logischen Sicherheit.
  2. 2. Die Stile der anderen kennen. Wer weiss, wie Kolleginnen und Kollegen unter Druck kommuni­zieren, nimmt einen knappen Satz weniger persönlich. Wir arbeiten dafür mit dem DISG-Modell. Es beschreibt, ob jemand eher direkt und schnell, eher begeisternd und beziehungsorientiert, eher ruhig und stetig oder eher genau und faktenbezogen kommuniziert. Wir nutzen das Modell als gemeinsame Sprache, um Unterschiede anzusprechen, und nicht, um Menschen in Schubladen zu stecken.
  3. 3. Schwierige Fälle gemeinsam anschauen. In einer kollegialen Fallberatung bringt jemand eine Situation ein, die nicht gut gelaufen ist. Die anderen fragen zuerst nach und geben erst danach Ratschläge. Besonders wertvoll ist das, wenn Pflege und Ärzte­schaft einen Fall gemeinsam anschauen. So lernt das ganze Team daraus, ohne dass jemand an den Pranger gestellt wird.

Wie wir mit der Kinderklinik des Kantons­spitals Aarau gearbeitet haben

Ärztinnen und Ärzte der Kinderklinik führen täglich anspruchs­volle Gespräche: in Akut­situationen auf dem Notfall, beim Überbringen schlechter Nachrichten und in langen Behandlungen chronisch kranker Kinder. Dabei stehen sie immer im Dreieck zwischen Spital­personal, Eltern und Kindern.

Für die Klinik haben wir ein Training in zwei Halbtagen mit einer Transfer­phase dazwischen aufgebaut. Zur Vorbereitung füllten die Teilneh­menden ein kurzes DISG-Verhaltens­profil aus. Der erste Halbtag galt der Kommuni­kation mit Kindern und Eltern, unter anderem dem Überbringen schlechter Nachrichten. In der Transfer­phase arbeitete jede Person an eigenen Zielen im Alltag. Der zweite Halbtag drehte sich um die Kommuni­kation im Team, mit Feedback und kollegialer Fallberatung. 2024 und 2025 haben wir das Training mehrmals in Gruppen von acht bis zwölf Personen durchgeführt.

Das Training richtete sich an die Ärztinnen und Ärzte. Dr. med. Marco Strasser, damals Oberarzt Endokri­nologie in der Kinderklinik, beschreibt, was er danach im Alltag beobachtet hat: «Die Kommuni­kation ist spürbar besser geworden, auch zwischen Pflege und Ärzte­schaft. Es gibt weniger Konflikte, und dadurch passieren weniger kritische Fehler.» Mehr dazu im Projekt mit dem Kantons­spital Aarau.

Wann lohnt sich ein Kommuni­kations­training im Spital?

Ein Training ersetzt keine gute Organisation. Es lohnt sich aber, wenn ihr einige dieser Punkte wiedererkennt:

  • Meldungen gehen verloren oder kommen zu spät an, und alle haben ein Beispiel dafür.
  • Pflege und Ärzte­schaft reden mehr übereinander als miteinander.
  • Schwierige Gespräche mit Patientinnen, Patienten oder Angehörigen werden aufgeschoben oder an andere weitergegeben.
  • Zwischen einzelnen Personen oder Berufsgruppen gibt es immer wieder dieselben Konflikte.

Ein Training kann sich auch an beide Berufsgruppen richten. Dann üben Pflege und Ärzte­schaft gemeinsam an Situationen aus der eigenen Station, zum Beispiel daran, wie eine Verschlechterung gemeldet und bestätigt wird. Euer Meldeschema und eure klinischen Standards bringt ihr mit, wir gestalten das Üben und die Rück­meldungen. Haben sich Konflikte schon festgefahren, braucht es zuerst eine Klärung. Wie das geht, beschreiben wir im Impuls zu Konflikten im Team.

Ein Impuls für eure nächste gemeinsame Besprechung

Nehmt euch zehn Minuten für drei Fragen, am besten Pflege und Ärzte­schaft gemeinsam:

  1. 1. Welche Meldung ist in der letzten Woche nicht oder zu spät angekommen, und woran lag es?
  2. 2. Wann habe ich zuletzt Bedenken nicht ausge­sprochen, und was hätte es dafür gebraucht?
  3. 3. Was braucht die andere Berufsgruppe von mir, damit sie gut arbeiten kann, und habe ich sie das schon einmal gefragt?

Die zweite Frage beantwortet jede Person nur für sich. Besprecht danach gemeinsam, was es in solchen Momenten bräuchte, ohne dass jemand ein eigenes Beispiel erzählen muss. Haltet fest, was ihr ausprobieren wollt, und schaut nach einem Monat gemeinsam darauf.

Wie gut klappt die Zusammen­arbeit zwischen Pflege und Ärzte­schaft bei euch?

In einem Strategie­gespräch (45 Minuten, online, kostenlos) schauen wir gemeinsam auf eure Station oder Klinik und klären, ob ein Kommuni­kations­training, ein gemeinsamer Work­shop von Pflege und Ärzte­schaft oder ein Coaching der passende nächste Schritt ist.